Freitag, 14. Juli 2017

Selbstmord - Dummheit - oder einfach nur Pech

Er war schon ein älterer Herr und hätte es eigentlich besser wissen müssen. Er war schon ein älterer Herr, benahm sich auch im Allgemeinen dem entsprechend, obgleich ihn der Teufel reiten konnte, wenn er Ungerechtigkeiten erfuhr. Das hatte ihn zweimal den Job gekostet - es ist ja auch nicht üblich in einer Geschäftssitzung des Dekanats den Konferenztisch anzuheben um ihn dann laut krachend umzustoßen, oder die Interna eines Geschäftsmodells, einer für die Gesellschaft und der Umwelt bedenklichen Strategie, eines Biotech Startup-Unternehmens öffentlich zu machen. Es hatte ihn auch einmal viel Geld gekostet, als er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt verurteilt wurde. Das Kämpfen gegen die eigene Dumm- und Dämlichkeit nahm aber mehr und mehr Raum in seinem Leben ein. Daher hätte er es ja eigentlich besser wissen müssen, was man tun kann und wovon man lieber die Finger lässt. Die Liebe zum Leben auf der einen Seite und das Hinterfragen des Lebens auf der anderen in Einklang zubringen, schien ihm nur dann zu gelingen, wenn sie da war. Seine Geliebte. Sie half ihm die Dinge ins rechte Licht zu rücken, fröhlich zu sein, einfach nur so und das aus diesem oder jenem Grund, weil verknallt sein einfach geil ist. Und das war er, das hielt ihn jung, gab ihm Mut und Kraft und auch die Verwegenheit der Jugend, alles wieder zu wagen, alles neu aufs Spiel zu setzen um lebendig zu sein. Die Tage, aber vor allem die Nächte, genoss er mit ihr. Nicht nur die Geschlechtlichkeit, nicht nur das Verlangen nach ihrer Weiblichkeit sondern auch die Vertrautheit und die schöne Zärtlichkeit, die beide brauchten und sich gegenseitig schenkten. Er konnte sie in den Armen halten wie ein Kind, ihr ein Butterbrot und Milch ans Bett bringen, Geschichten zum Träumen erzählen, damit sie ruhig einschlafen konnte. Seine geliebte Frau, die andauernd wollenden Flitterwochen waren der konstante Faktor, das berechenbare Glück, ins seinem Leben geworden. Leider und zu dumm, dass gerade dieser Faktor fehlte.
"Liebling, ich bin weg, vielleicht ist die Ausstellung was. Warte nicht auf mich, es wird ein bisschen später, ciao. Ich liebe dich. Vergiss bitte nicht die Kündigung an die Telekom. "
Also war man alleine an diesem Tag an dem sich die Ereignisse ereigneten.
Kritische Kommentare und Artikel zur gesellschaftlichen Situation, die von der Regierung gewollten und gebilligten Finanzgeschäfte, die katastrophale Umweltpolitik, den Verschleierungsjournalismus der schönen Medienlandschaften, die erfolgreichen Bemühungen der Lobbyisten, alles das veröffentliche er auf seinem Blog und trieb sich auch in den sozialen Netzwerken um. Verständlich, klar und durchsichtig versuchte er zu schreiben, klar und durchsichtig war er aber auch für den Verfassungsschutz und für den religiös motivierten Kampf der Gottesfürchtigen. Das war nicht beabsichtig geplant. Es war ihm aber klar, wie gläsern man wird, wenn man sich der modernen Medien bedient.
"Um dem Altersprozess entgegen zu wirken", so sein Motto, den Medizinern das überteuerte Rechnungenschreiben nicht weiter zu ermöglichen, die Krankenkassen nicht zu belasten, sie belasten schwer genug alle freiwillig gezwungenen Versicherungsnehmer und um seiner männlichen Eitelkeit genüge zu tun, war er auch an jenem Tag wieder im Fitnessstudio und schwitze und stemmte inmitten der jungen Sports- und Boxfreunde. Die Bude war international besetzt, syrische Karatekämpfer, deutsche Bodybuilding Monster mit Tattoos von der Glatze bis unter die Vorhaut, Truppen der Osmanen Germania, sie alle bauten sich auf - für Zukünftiges. Den Blick auf Busen und Po und was sich sonst noch so schön auf Stepper und Laufband bewegte, hätte er früher nicht scheu zurück gehalten.
Sich zurückhalten, sich zurücknehmen, sich anpassen zu müssen ist ein Prozess, der durch die Gesellschaft vorgegeben wird. Der Einzelne passt sich den Glaubensbekenntnissen und den Moralvorstellungen der öffentlichen Gemeinschaft an, oder auch nicht. Den Druck der ungeschriebenen Normen hatte er im schönen Schwimmbad etwas schmerzlich erfahren müssen. Nach Brust - Rücken und 500 Meter Freistil, für Delfin reichte die Puste nicht mehr, ruhte er sich auf der Bank am "Pissbecken" aus und schaute den Kinder beim Plantschen zu. Was sich da alles im Wasser tummelte, schrie und vor Vergnügen quietschte war endlich ein Moment, ein schönes Bild, das ihn fröhlich und zufrieden stimmte. Als dann aber die Lehrerin zur Bademeisterin ging und dann die Bademeisterin zum ihm ging und ihn aufforderte das Bad zu verlassen, er würde so komisch die kleinen Mädchen anschauen und es würde jetzt so wie so gleich geschlossen, war es mit der Idylle vorbei. Die Lehrerin war schnell in der Damenumkleide verschwunden, die Bademeisterin watschelte in den Personalraum und so verließ der Dirty Old Man traurig mit noch tröpfelnder Nase die Anstalt. Das hing ihm lange nach. Die Demütigung durch die böse Unterstellung war größer als der Zorn und so wurde der Beschwerdebrief an die Schulleitung nicht geschrieben.
Aber zurück zu dem Tag als sich die Ereignisse ereigneten. Der Freitag der ersten Juniwoche zeigte sich von der schönsten Seite. Der Himmel war himmelblau, die Sonne schien und es ging ein leichter Wind, der gegen Mittag dann ein wenig fester blies, dass das Thermometer angenehme Temperaturen zeigte. Der Weg vom Sportstudio mit dem Fahrrad nach Hause war mehr Kopf- als Beinarbeit für ihn. Zum einen dauerte es nur ein paar Minuten entlang der innerstädtischen Bundesstraße, zum anderen kann man in relativ kurzer Zeit eine Menge Zeugs denken und über Sicherheits-Updates, Malware, Zugang zu Postpostfächern und Accounts nachdenken. Er hatte ja genügend Daten durch seine Beiträge und Artikel ins Netz gestellt, die bestimmte Interessensgruppen zum hacken der Privatsphäre veranlassen könnten. Aber dann war es doch Beinarbeit, die Treppen nach oben in die Maisonette Wohnung im vierten und fünften Stock. Das Gebäude war 1900 gebaut und nur zum Teil saniert worden. Die grün weiße Fassade bröckelte und kleinere Mauerstücke hatten sich gelöst und waren auf die Straße gefallen. Danach, also im Nachhinein, wurde der Bürgersteig abgesperrt. Die Türklingel war seit Jahren defekt und der Keller seit Jahrzehnten feucht. Doch sein Appartement war nach dem Brand des Dachstuhls renoviert worden. Es war großzügig und besaß durch die zurückhaltende Möblierung eine dezente Eleganz. Zwei Balkons, einen zur Straße und einen mit Blick auf die Häuserzeilen der Altstadt, wenn man die Augen schweifen ließ und nicht zum Hinterhof hinunterschauen wollte. Er schloss die Wohnungstür auf und stieg dann die Wendeltreppe hinauf um frische Luft in die oberen Räume zu lassen. Wieder runter an dem Badezimmer rechts vorbei; links das Wohnzimmer. Er mochte den Blick, wenn die Jalousie das Sonnenlicht filterte und den Raum durchflutete. In der Küche öffnete er die Flügel zum Balkon, nahm den Weißen aus dem Kühlschrank und schenkte genau so viel Wein in das Glas, dass das Verhältnis: Oberfläche zu Volumen zu visueller Geometrie und Farbe für ihn stimmte. Und manchmal hatte er auch vernünftige Gedanken, daher blieb der Computer aus. Lesen ist eine gute Option - für Stunden. Die Geschichte, die er las, spielte in England und hieß KEYS. Graham Swift hatte sie 2014 in einem Sammelband veröffentlicht. Die Frau des Protagonisten muss ihren kranken Bruder besuchen, ihr Mann fährt sie zum Bahnhof. Als er wieder zu Hause ankommt und das Auto parkt, bemerkt er, dass die Schlüssel fehlen.
Er trank den ersten Schluck Wein auf dem Balkon und begann genau an der Stelle weiterzulesen, als die Geschichte richtig spannend wurde. So verging der sonnige Nachmittag, das heißt, die Zeit im regnerischen Vorort von London, als die polnische Haushälterin von nebenan am Sex mit dem untreuen Ehemann Spaß hatte. Sie hatte ihn reingelassen, weil er ja so pitschnass im Regen gestanden hatte und ohne Schlüssel nicht in sein Haus kam.
"Ach, meine schönen Blümchen werden auch Durst haben." So wurden die lachenden Gesichter der Stiefmütterchen, die ihn so wie seine kleine Frau anstrahlten, nass und die Wurzeln in den weißen Blumenkäste am weißen schmiedeeisernen Geländer gut durchtränkt. Der späte Nachmittag in London endete im Dauerregen zwar mit multiplen Orgasmen aber ohne wirkliches "happy ending". Der frühe Abendhimmel über Nordrhein Westfalen zeigte jedoch kein Wölkchen. Wind und eine schöne Musik vom Nachbarhaus gegenüber machten ihn ein wenig schläfrig, auch der zweite Schluck Wein hatte wohl dazu beigetragen. Die Sonne schien unverdrossen und natürlich auch auf seine nackte Haut. Dass starke Sonneneinstrahlung das Krebsrisiko erhöht, wusste er. Das Basaliom über der linken Augenbraue hatte er im Winter entfernen lassen. Tat nicht weh, es roch nur komisch nach verbranntem Fleisch, als gelasert wurde. Ihm wurde zu warm auf dem Balkon zwischen Blumen, Himmel und Erde. Außerdem gingen ihm nun die Sirenen der Polizei und der Krankenwagen, die man überall und immer öfter hörte, auf den Geist. Samstagnachmittags gab es zur Einstimmung auf den heiligen Sonntag stundenlange Hupkonzerte der frisch Vermählten, die in dicken, geschmückten SUV Limousinen, immer wieder trötend, ihrem Glück entgegen fuhren. Er ging in die Küche, legte seine künstlichen Zähne in das Schälchen mit Kukident, schmiss seine Unterhose in den Wäschekorb und wollte den Staubsauger aus dem Abstellräumchen vor der Wohnungstür holen, dann Emails beantworten und die Sicherheits-Updates herunterladen und installieren. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Er hatte den Staubsauger schon zur Hälfe herausgezerrt, als der Wind die Tür zuschlug. Splitterfasernackt und keine Zähne im Maul stand er nun im Treppenhaus. In der ersten Schrecksekunde suchte er sein Handy. Dann schaute er verwundert nach seinem Schlüssel, dann fiel ihm die englische Geschichte ein, dann für den Moment nichts mehr. Wäre eine Video-Überwachungskamera im Haus installiert gewesen, hätte sie verfolgt, wie der nackte Mann die Treppe bis zur halben Treppe, da wo früher die Toilette war und sich nun die Heizung befand, hinunter ging und wieder hinauf vor die verschlossene Wohnungstür. Ziemlich langweiliger Clip weil immer nur das Gleiche, so etwa zwanzigmal, passierte. Dann hielt er inne und saß etwa eine viertel Stunde auf der obersten Stufe, Ellenbogen auf den Knien, Kopf in der Händen. Er rührte sich nicht. Das zweimalige Klingeln seines Telefons in der Wohnung hat ihn wohl aufgeschreckt. Er stand auf und setzte das Spielchen weiter fort. Treppe rauf, Treppe runter, rauf und runter. Dann blieb er stehen und öffnete das Fenster, das vom Treppenflur zum Hinterhof. Er steckte den Kopf hinaus und schien länger nach links zu schauen, wohl auf den Sims des zweiten Fensters, das vom Heizraum zum Hinterhof. Von da aus hätte auch ein Stuntman Schwierigkeiten gehabt den Balkon zu erreichen.
Nee, das ist mir zu viel, das ist nicht meine Hausnummer, das lässt du schön bleiben. Das sind 16, 17 Meter. Du klatschst nach unten und das war's. Dann brauchst du auch nicht mehr den Festanschlusses durch die Telekom zu kündigen. Ich bleib jetzt ruhig hier sitzen, bis die Kleine wiederkommt. Irgendwann macht die Ausstellung ja zu. Aber das wird dauern und mit der S-Bahn zurück noch länger. Jetzt klingelt das schon wieder, aber nur ein Mal. Vielleicht ein Kontrollruf einer tschetschenischen Einbrecherbande, die mir in ein paar Minuten beim Aufbrechen meiner Wohnungstür behilflich ist. Fassadenklettern erübrigt sich dann. Ich geh jetzt nicht runter und hüpfe nackt und ohne Zähne über die Straße zum nächsten Schlüsseldienst. Mein Gott, aber das ist 'ne Hausnummer. Das kann ich nicht schaffen, oder? Ich guck nochmal. Müsste eigentlich gehen. Vom Heizungsfenster geht es nicht. Das Fenster ist dicht gemacht. Also zwei Fenster und dann - und dann kommst du ans Geländer vom Balkon. Küchentür steht ja noch offen. Also komm! Ich halte mich fest an der Innenseite des Fensters, dann kann ich ganz vorsichtig auf das zweite Sims. Aber wo halte ich mich dann fest? Am Außenfühler der Heizungsanlage, der sollte gedübelt sein. Schön langsam, nicht dass du mir noch runterfällst. Nach unten blicken ist verboten! Warum guckst du dann? Die Autos im Hof sehen schon aus wie Spielzeug. Konzentriere dich auf die Füße, langsam, Schrittchen für Schrittchen. Jetzt häng ich hier in der Luft mit nacktem Arsch, ich hoffe die Nachbarn drehen ein Filmchen und ich sehe mich morgen auf youtube.com. Den Schritt aufs nächste Fensterbrett musst du dir gut überlegen. Balance, Balancehalten, das ist zu schaffen, dann hältst du dich an dem Ding da fest. Ich leg das Gewicht ganz auf das linke Bein, dann hab ich das rechte frei und dann verlagerst du, machst den Schritt aufs andere Fenster, beugst dich vor und ziehst dann nach. Scheiße, geschafft. Scheiße, ich trau der Halterung nicht, wenn die nachgibt. Ich kann mich nicht mehr bewegen und mir läuft die Suppe runter. Zurück kann ich nicht. Ich warte auf die Feuerwehr, wenn ich es so lange aushalten kann. Wie lange steh ich jetzt hier, eine halbe Stunde? Ich taste mich mit den Füßen Millimeter um Millimeter vor. So weit ist das doch gar nicht bis zum Balkon, wenn du dich reckst, kannst du dich am Geländer hochziehen. Ich komm nicht dran, ich komm nicht dran! Scheiße, ich muss ganz loslassen und springen und greifen. Ich probiere es lieber mit dem rechten Fuß auf das Fallrohr der Dachrinne. Nein, nein, nee das ist das Blödeste, was du machen kannst, das gibt nach. Ich warte noch, ich warte noch. Jetzt, jetzt, komm schon, spring und greif. Die andere Hand, die andere Hand packt auch. Hochziehen und drüber.
Vom Balkon in die Küche, dort stand er wie angewurzelt eine Weile und übergab sich dann und alles was der Magen und die Galle hergab in die Spüle. Auf den Weg zum Badezimmer, er wollte wohl duschen, bemerkte er den starken Durchzug in der Wohnung. Als er ein frisches Handtuch holen wollte, stand die Wohnungstür offen. Er sah ins Wohnzimmer, sah die zwei Männer an seinem Mac und schämte sich, weil er immer noch nackt und ohne Zähne da stand. Die Nachricht an seine Frau konnte er nicht mehr schreiben.

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Dr. Bernd U. Krippl
last update: 14.07.17 17:37
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